Vom
Wesen des Weststeirers

(Reinhard
P. Gruber)
Es
gibt Österreich; und es gibt die Steiermark.
Es gibt die Steiermark: und es gibt die Weststeiermark.
Daher gibt es die Weststeiermark und die Reststeiermark.
(Merke:
Nie heißt der Steirer Steiermärker !)
Die
Schale heißt Österreich, das Kerngehäuse heißt Steiermark und
der Kern selbst heißt Weststeiermark.
Weststeiermark heißt das Land, wo der Kernsteirer wohnt.
Zwar
gibt es weitaus mehr Steirer westlich der Weststeiermark, aber sie
heißen Obersteirer oder Nordsteirer. Wo der Westen ist, definiert
der Weststeirer allein: dort, wo er wohnt, ist er, sagt er und darüber
hinaus gibt es keine Weststeiermark.
Darüber
wird nicht diskutiert. Das Selbstbewußtsein des Weststeirers ist so
stark ausgebildet, daß er darauf verzichtet, eines zu haben. Daher
sind die Weststeirer die bescheidensten Menschen von weit und breit.
Bescheidenheit
ist die Zier des Starken, Chauvinismus die Stärke des Schwachen.
Stark gemacht hat den Weststeirer ein Wein, der nur vor seiner Haustür
wächst: der Schilcher, das Aphrodisiakum Österreichs. Alles, was
im Menschen steckt (und nicht nur im weststeirischen!) mobilisiert
dieser Schilcher. Das Kernland der Steiermark ist auch das saftigste
– hier reichen sich Saft und Kraft die Hände, hier sind
Steinsteirer und Kernsteirer vereint: im Öl. Hier heißt es Kernöl.
Es ist das Land, wo sogar die Büsche Saft geben: Im Buschenschank.
Das Getriebe der Weststeiermark schmieren Kernöl, Schilcher und
Verhackert – und noch ist niemand bekannt, daß er dort verrostet
wäre.
Mit
jedem Touristen, der die Weststeiermark betritt, bricht das Ausland
über den Weststeirer herein. Aber ein Weststeirer ist deswegen noch
nie zusammengebrochen. Im Gegenteil, die meisten Gäste fanden die
Weststeiermark umwerfend.
Was
der Weststeirer am wenigsten leiden kann, sind dumme Sprüche über
die Weststeiermark. Wer solche von sich gibt, betritt die
Weststeiermark nur einmal. Immerhin kann er zu Hause von einem
umwerfenden Erlebnis berichten. Wenn er noch kann.
Massen
hasst der Weststeirer wie die Pest, Einzelgänger liebt er wie die
Blume des Weins. Seine feine Nase erkennt auf der Stelle, ob sich
ihm ein Massentourist nähert oder ein Mensch. Jedem macht er seine
Tür nicht auf. Den einfachsten Zugang zur Weststeiermark findet ein
Fremder, wenn er mit den Einheimischen isst und trinkt; denn dann
beginnt der Weststeirer zu sprechen. Alles wird er beim ersten Mal
nicht erfahren, aber garantiert soviel, dass er wiederkommt. |